Sehr geehrte Frau Rektorin Steinbeck,
sehr geehrte Frau Prorektorin Dorgeloh,
sehr geehrte Frau Dekanin Seegers,
sehr geehrte Frau Professorin von Blumenthal,
Herr Professor Haucap als Vertreter der Meyer-Struckmann-Stiftung,
liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende und Gäste,
und zuallererst: Sehr verehrte, liebe Frau Professorin Shulamit Volkov,

der Meyer-Struckmann-Preis für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung ist diesmal also für den Bereich der Antisemitismusforschung ausgelobt worden. Wenn die Zeiten andere wären, dürften wir hierin schlicht die erfreuliche Bestätigung und Bestärkung eines als wichtig erkannten Forschungsfeldes sehen, das sich hiermit nun einreiht unter andere, in vergangenen Jahren in gleicher Weise bedachte wissenschaftliche Arbeitsgebiete. Aber die Zeiten sind so, dass sich Beklommenheit in die reine Freude mischt. Die Vergabe des wichtigsten Preises, den diese Fakultät ausschreiben darf, für Antisemitismusforschung erfolgt vor dem bedrückenden Hintergrund antisemitischer Verhetzung, auch antisemitischer Gewaltbereitschaft, wie sie uns so noch vor Kurzem kaum denkbar erschienen wäre in unserem Europa, auch in diesem Deutschland, auch an seinen Universitäten. Und so werden wir in der diesjährigen Ausschreibung auch den Ausdruck des Wunsches erkennen, hier ein Zeichen zu setzen.

Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich eine Laudatio bei solch festlich-freudiger Gelegenheit auf diese Weise eröffnen darf. Aber die Person der Preisträgerin, die Fülle und Qualität ihrer wissenschaftlichen Arbeiten steht ganz für sich und wird auch durch verdüsternde Umstände nicht in den Schatten gestellt werden. Und auch unsere große Freude, sie heute unter uns zu haben und ihr danken zu dürfen, wird durch diese Umstände nicht klein.

Dankbarkeit empfinden wir für ein Lebenswerk, das sich in überaus zahlreichen, wegweisenden Veröffentlichungen ebenso niederschlägt wie im prägenden Umgang einer den Menschen zugewandten Forscherin und Lehrerin mit vielen, vielen Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen und anderen Wegbegleitern. Allein die Liste derer, die unter ihrer Anleitung und ihrem Schutz als Doktormutter standen, ist lang, darunter viele, die in der Wissenschaft dann einen beeindruckenden Weg weitergegangen sind.

Shulamit Volkov selbst war nach dem Studium in Jerusalem und Berkeley dort bei Hans Rosenberg promoviert worden. Ihre 1978 veröffentlichte Dissertation beleuchtet das Erstarken eines volkstümlichen Antimodernismus im kaiserzeitlichen Deutschland anhand einer Studie des Milieus der kleinen selbständigen Meister traditioneller Handwerksberufe. Diese Arbeit verrät schon viel über die Historikerin Shulamit Volkov und ihre Art, auf die Geschichte zu schauen. Eine Geschichte, die von großen Männern gemacht wird, ist ihre Sache nicht (wird es übrigens auch später, auch in ihrer großen Arbeit über den großen Walter Rathenau nicht sein); vielmehr hat sie »eine Kollektivbiographie, ein Kapitel in der Geschichte einer sozialen Gruppe« im Sinn. Bestechend ist schon an dieser meisterlichen Doktorarbeit die mühelos erscheinende Zeichnung eines Zeit- und Gesellschaftsbildes in großen Linien, die so nur gelingen kann, weil sie auf der Grundlage einer genauen Kenntnis all der mühselig erhobenen Kleinteiligkeiten geschieht; weil das Bestreben, zu allgemeineren Aussagen zu kommen, nie auf Kosten der feinsten möglichen Differenzierung geht. Der antisemitische Komplex steht nicht für sich, sondern er wird gesehen im Zusammenhang mit der allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Situation im wilhelminischen Deutschland; und er steht nicht im Vordergrund dieser Darstellung und kann umso deutlicher in seiner »sozialen und politischen Funktion« beleuchtet werden. Im Epilog eröffnet Shulamit Volkov dann einen Ausblick auf das Kommende, wenn sie feststellt, dass die NS-Propaganda den kleinen Handwerksmeistern der 1920er Jahre seltsam vertraut geklungen haben müsse: Erneut war Antimodernismus – und mit ihm letztlich auch Antisemitismus – die Antwort verunsicherter, verbitterter, sich als heimatlos empfindender Teile der Gesellschaft auf objektive Nöte der Gegenwart und subjektive Zukunftsängste.

Im selben Jahr 1978 veröffentlichte Shulamit Volkov auch ihren zum Klassiker der Antisemitismusforschung gewordenen Artikel über »Antisemitismus als kulturellen Code«: Als Erkennungszeichen einer ganzen Subkultur im wilhelminischen Deutschland nämlich, das gegen den Hintergrund einer etablierten Kultur funktionierte, in der Antisemitismus (noch) nicht für gesellschaftsfähig galt. Dieses Konzept erwies sich dann in vielen weiteren, in rascher Folge vorgelegten Arbeiten als tragfähig.

In ihren Aufsätzen zeigt sich Shulamit Volkov als eine Meisterin des Essays, übrigens auch als eine hervorragende Stilistin, die komplexe Sachverhalte neu zu beleuchten und in tiefgehender und zugleich bündiger Weise zu analysieren versteht. Und dann lassen sich diese feinen Essays wie Perlen auf einen Faden ziehen und fügen sich zu einem zusammengehörigen Ganzen. 1990 veröffentlicht der C.H. Beck Verlag zehn dieser Artikel über »Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert« in einem Band, etliche davon erstmals in deutscher Sprache. Sie führen uns anschaulich vor Augen, wie nach dem Verständnis der Autorin Geschichte immer wieder neu zu schreiben ist; was von der Vorstellung eines »deutschen Sonderweges« zu halten ist oder gar von der eines ewig sich gleich bleibenden Judenhasses, wie sie mehr oder weniger wissenschaftlich propagiert wurde. »Über Kontinuität und Diskontinuität im deutschen Antisemitismus« ist hier ebenso Wichtiges zu lesen wie über »Antisemitismus und Antizionismus. Unterschiede und Parallelen« – letzteres ein Beitrag, der auf zwei 1984 und 1985 in Israel gehaltenen Vorträgen fußt und heute kaum aktueller sein könnte.

»Jüdisches Leben und Antisemitismus« werden immer wieder gemeinsam in den Blick genommen. Dabei berührt der Antisemitismus dieses jüdische Leben, und er kann es auch erschüttern, aber er definiert es nicht. 1991 hält Shulamit Volkov beim Kolloquium des Historischen Kollegs in München den Eröffnungsvortrag »Über die Erfindung einer Tradition. Zur Entstehung des modernen Judentums in Deutschland«, in dem sie aufzeigt, »dass sich alle Strömungen im deutschen Judentum dieses dynamischen 19. Jahrhunderts mit der Modernisierung befassten«. Im Ergebnis dieser Entwicklung sehen wir die meisten Juden in Deutschland nicht mehr in der alten jüdischen Welt und nicht ganz mit ihrer Umgebung verschmolzen, sondern in einer eigenen, dritten Sphäre, einem »umfassenden deutsch-jüdischen Kultursystem«.

Erneut können zehn wichtige Aufsätze, darunter auch dieser Vortrag, in einem Band zusammengeführt werden; er heißt »Das jüdische Projekt der Moderne« und erscheint 2001. »Nationalismus, Antisemitismus und die deutsche Geschichtsschreibung«, »Antisemitismus und Antifeminismus«, »Minderheiten und Nationalstaat« sind einige der weiteren Themen, die hier behandelt werden. Hier geht es durchwegs, und immer wieder mit einem frischen, neuen Blick, um Exemplarisches der deutschen und deutsch-jüdischen, ja europäischen Geschichte.

Das »Lebenswerk« sei wichtig, und: Die »öffentliche Sichtbarkeit«, hat man uns in der Jury gesagt. Auch in dieser Hinsicht zeichnet sich das wissenschaftliche Wirken von Shulamit Volkov in besonderer Weise aus – durch eine Vielzahl von öffentlichen Vorträgen, und durch wichtige Veröffentlichungen, die auch eine breitere Leserschaft ansprechen und erreichen. Das Rathenau-Buch ist hier zu nennen, 2012 in englischer und zugleich in deutscher Fassung erschienen: Eine Lebensgeschichte, in der auch die Essenz deutsch-jüdischer Geschichte gesehen werden könne; und in der für Shulamit Volkov so bezeichnenden, anrührenden Tonalität: Das Leben eines Deutschen und Juden sei dies gewesen, der mit seiner zweifachen Identität rang und auf der Vereinbarkeit ihrer Komponenten beharrte; und indem er dies tat, offenbarte er immer wieder seine tiefe, empfindsame Menschlichkeit.

Und das große, 2022 erschienene »Deutschland aus jüdischer Sicht«, das »eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart« präsentiert. Wieder schreibt sie, diesmal im großen Zusammenhang, die Geschichte der Juden in Deutschland gleichermaßen als ein Kapitel der deutschen wie der jüdischen Geschichte. Und wieder schreibt sie eine Geschichte der vielen Fäden, des gleichzeitig Unterschiedlichen, der allgemeinen und besonderen Entwicklungen und ihrer Unter- und Gegenströmungen. Doch zeigen sich uns in diesem Kaleidoskop keine fragmentierten Wimmelbilder, sondern es öffnen sich immer wieder neue, herausfordernde Ansichten und Einblicke. Am Ende unserer Lektüre sind wir in der Gegenwart angelangt. Berlin ist nicht Weimar. Doch ob die Lehren, die aus der tatsächlich ja intensiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu ziehen sind, auch verinnerlicht wurden, und »ob dies am Ende ausreicht, um einer neuen Welle des Hasses und des rechten Populismus zu widerstehen, bleibt eine offene Frage.«

Heute, nach dem 7. Oktober, stellen sich diese Fragen noch einmal anders, und noch einmal zugeschärft. In ihrem jüngsten, noch im Druck befindlichen Aufsatz handelt Shulamit Volkov vom Antisemitismus im Arsenal des europäischen kollektiven Gedächtnisses; es sind Überlegungen zum gleitenden Übergang zwischen Kritik und Hass: Wie kann es sein, dass eine kritische Haltung gegenüber Israel, oder auch eine prinzipielle Ablehnung des Zionismus, mit scheinbarer Leichtigkeit in ausgeprägten Antisemitismus übergeht? Die Autorin unterzieht hier, unter dem Eindruck der Erfahrungen der unmittelbaren Gegenwart, ihre früheren Überlegungen zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Antisemitismus einer kritischen Revision. Geschichte muss immer wieder neu geschrieben werden.

In der Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury:

»Über Jahrzehnte hinweg hat Shulamit Volkov die internationale Antisemitismusforschung beeinflusst und persönlich belebt. Ihr Werk steht für eine unermüdliche, intellektuell brillante und zugleich gesellschaftlich hoch relevante Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus.«

Sehr geehrte, liebe Shulamit Volkov, wir freuen uns sehr und sehen in großer Dankbarkeit auf Sie.

Prof. Dr. i. R. Stefan Rohrbacher

Stefan Rohrbacher studierte Judaistik, Orientalistik und Bibliothekswissenschaft an der Universität zu Köln sowie Geschichte und Kunstwissenschaft an der TU Berlin. Nach Tätigkeiten an der Historischen Kommission zu Berlin und am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg war er von 1997 bis 2002 Professor für Jüdische Studien an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und von 2002 bis 2025 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von 1999 bis 2008 war er Vorsitzender des Verbandes der Judaisten in Deutschland. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Geschichte und Kultur der Juden in Europa sowie der Geschichte des Antisemitismus.