Sehr geehrter Herr Prof.Dr. Justus Haucap, Vorsitzender der Mayer-Struckmann Stiftung,
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Anja Steinbeck, die Rektorin der HHU und
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Ulli Seegers, die Dekanin der Philosophischen Fakultät
Und – last but not least - sehr geehrter, lieber Herr Prof. Dr. Stefan Rohrbacher

Kollegen und Kolleginnen, Meine Damen und Herren,

wie Sie sich vorstellen könnten, war Ich erstens überrascht und dann aber sehr freudig erregt als ich hörte, dass die Heinrich-Heine-Universität und Sie, hochgeehrte Jury-Mitglieder, mich würdig fanden, diesjährige Meyer-Struckmann-Preisträgerin zu sein. Heute habe ich die Gelegenheit, meine tiefe Dankbarkeit der Meyer-Struckmann Stiftung und ihrem Vorsitzenden – Herrn Professor Dr. Haucap – auzudrücken, wie auch der Heinrich-Heine-Universität, besonders deren Rektorin, Frau Prof. Dr. Steinbeck, so wie Sie, Frau Prof. Dr. Seegers – die mir vor einigen Wochen die Nachricht über mein Gewinnen telefonisch übermittelte, und Prof. Dr. Heiko Beyer, der überhaupt der Erste war, der mit mir aus Düsseldorf gesprochen hat. Danke, dankeschön. Sie bereiteten mir große Freude und ich fühle mich überaus geehrt

Dass der diesjährige Preis dem Thema Antisemitismus-Forschung gewidmet wurde, empfand ich als ein besonderes »Statement«. Seit dem 7. Oktober 2023 fühlten sich unzählige Juden – in Deutschland wie auch überall in der Welt, bedroht, zumindest enttäuscht und wiederholt verletzt, aufgrund der geringen Empathie, die sie bekommen haben. Man erinnert sich zum Beispiel an das Buch von Michel Friedmann, gedruckt schon früh im Jahr 2024, oder an die damaligen öffentlichen Kommentare des Pianisten Igor Levit zu verschiedenen Anlässen. Genau damals, nach den schrecklichen Attacken an den friedenliebenden Menschen, die in Kibutzim, in Gemeinschaften im Süden von Israel, an der Grenze zum Gazastreifen leben, als man Empathie erwartete und stattdessen überall und wiederholt mit Antisemitismus konfrontiert wurde. Einen Preis für Antisemitismusforschung unter diesen Umständen zu verleiten zeigt Mut, dachte ich. Es zeigt endlich Empathie in diesen schwierigen Zeiten. Und auch dafür möchte ich Ihnen herzlich danken.

Trotzdem, für mich, und vielleicht auch für manche von Ihnen, ist die Preisverleihung heute nicht unproblematisch. Heute hätte ich vielleicht gern gesprochen nicht über Antisemiten – nämlich die nicht-Juden die die Juden hassen – sondern über Juden, die nach hundertjährigem Leid als die Anderen, die an allem schuldig sind, die man wiederholt zu vernichten versucht – aber jetzt – aus Angst, Trotz und Rache – selbst einen viel zu langen Krieg führten, einen schrecklichen Krieg, der schon lange nicht mehr zu rechtfertigen ist.

Anstatt darüber ausführlicher zu sprechen, erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, ein kurzes Gedicht von Heinrich Heine vorzulesen, vor etwas mehr als 200 Jahren geschrieben und betitelt »An Edom«:

Ein Jahrhundert schon und länger
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme
Daß du rasest dulde Ich.

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten
Ward Dir wunderlich zu Mut,
und die liebesfrommen Tätzchen
Färbtest Du mit meinem Blut.

Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu,
Denn ich selbst begann zu rasen,
und ich werde fast wie Du!

Jetzt, in der Zeit die mir noch zur Verfügung steht, möchte ich Ihnen – treu zu meinem Beruf – etwas über was ich »Gelehrter Antisemitismus« nenne erzählen. Nach allem sind die Antisemiten von heute nicht im Allgemeinen hier, sondern gerade bei uns, an den Universitäten: In Boston, New York und Philadelphia aber auch in Berlin, Frankfurt, und – so vermute ich – hier in Düsseldorf. Überall hebt der Antisemitismus seinen bösartigen Kopf.

Gelehrter Antisemitismus: Spannung und Kontoverse im Zeitalter der Emanzipation

In der Tat, das Judentum und die Verhältnisse zwischen Juden und Christen waren immer ein Thema des gelehrten Diskurses, zumindest seit dem 11. Jahrhundert – in Paris und Barcelona, in London und Oxford, in Mainz und Trier. Später, nach der Lutherischen Reformation, brauchte man für die neuen, sogenannten Disputationen mit Juden noch gelehrtere Experten, vor allem Theologen, die Latein und Hebräisch konnten und mit jüdischen Quellen gut vertraut waren. Prälaten, auch Bischöfe, genügten nicht mehr, und die nötigen Experten waren fast immer Professoren oder Gymnasiallehrer, die vorher, für Jahre, an den besten Universitäten der Zeit studierten. Nur die aufkommende Aufklärung, in der die Diskussion über Toleranz vorherrschte, versprach neue Perspektiven für Juden. Sie öffnete eine neue Ära für sie. Und darauf reagierte bald die ganze Gelehrtenrepublik.

Schon früher interessierten sich christliche Gelehrte nicht nur für biblische Topoi, sondern immer mehr für die Lebenswelt der gegenwärtigen Juden – ihre Religion, ihre Gewohnheiten und ihre Sprachen. Zwar gab es unter diesen Gelehrten manche, die das Judentum oder die Juden verteidigten, wie bekanntlich John Toland, der deistische Philosoph aus England; normalerweise jedoch zielte dieses gelehrte Projekt auf die Missionierung der Juden und auf die theologische Stärkung des Christentums.

Dann wurde eine bald berühmtgewordene Art Enzyklopädie aller negativen Aspekte des Judentums und der verschiedenen Beschuldigungen gegen die Juden im Jahr 1710 veröffentlicht. Der Verfasser war Johann Andreas Eisenmenger, ein Professor für hebräische Sprache an der Universität Heidelberg, der auch Arabisch und Aramäisch lehrte, und in seinem magnum opus ein ausserordentliches Wissen im jüdischen Schrifttum und alle ihrer Angelegenheiten zeigte. Trotzdem war das »Entdecktes Judentum«, wie sein Buch hieß, »eine Art Nachgeburt«, schreibt der Historiker Jacob Katz. Schon damals entstand die neue, rationalistische Denkweise in Europa, in deren Zentrum der kritische Geist stand, der mit der Kritik am Christentum eine Neueinschätzung von Juden und Judentum kombinierte. Eisenmenger repräsentierte die Vergangenheit. Gegen ihn standen Gelehrte, die die Reform energisch vorantreiben wollten, und die, die verschiedene Wege zwischen Tradition und Erneuerung suchten.

Für uns heute habe ich einen Gelehrten von Weltruf ausgewählt, seit 1750 ordentlicher Professor für orientalische Sprachen, Altertumswissenschaften und Theologie an der Göttinger Universität, Johann David Michaelis.

Zu seiner Zeit gab es schon überall in Deutschland eine rege, gebildete Öffentlichkeit. In seinem Buch zum Strukturwandel dieser Öffentlichkeit zählt Jürgen Habermas als Teilnehmer im neuen intellektuellen Diskurs gebildete Beamte, Juristen und Ärzte, Pfarrer, Offiziere und Professoren, »»Gelehrten««, schreibt er, »deren Stufenleiter sich über Schulmeister und Schreiber zum »Volk« hin verlängert[e].« Außerdem fungierte am Rande dieser Öffentlichkeit eine Mehrzahl Periodika, wie – zum Beispiel – die berühmte Berliner Monatsschrift oder auch der Göttingische Anzeiger von gelehrten Sachen, dessen Direktor seit 1753 – bis er seine eigene Zeitschrift gründete – auch Michaelis war.

Als solcher hatte er »eine besondere Autorität beim aufgeklärten Publikum«, schreibt seine moderne Biografin, Anna-Ruth Löwenbrück. Noch dazu war Michaelis ein hochgeschätzter Sachverständiger in allen jüdischen Angelegenheiten. Sein Rat wurde oft von Gerichten gesucht, sogar von jüdischen Gerichten, die seine Expertise, zum Beispiel in Familienrechtsfragen, brauchten. Er war offensichtlich kein Antisemit.

Das war keineswegs selbstverständlich damals. Man erinnert sich an Voltaire und den Baron d’Holbach in Frankreich, die die Juden der Antike kritisierten aber dann mit ähnlicher Schärfe auch die gegenwärtigen Juden. In Deutschland war die judenfeindliche Sprache genauso schrill, sogar im Herzen der Aufklärung.

Hier ist ein Zitat von Friedrich Schiller, in seiner Vorlesung über Die Sendung Moses, gehalten im ereignisreichen Sommer von 1789, an der Universität Jena. Die Israeliten in Ägypten beschrieb er als »das roheste, das bösartigste, das verworfenste Volk der Erde, durch eine 300-jährige Vernachlässigung verwildert... durch eine erblich auf ihm haftende Infamie vor sich selbst erniedrigt, entnervt und gelähmt... endlich fast bis zum Tier heruntergestoßen.«

So weit ging Michaelis nicht. Er unterstrich vor allem die Notwendigkeit, die Situation der Juden in der Antike zu historisieren, obwohl er sicherlich dieses Wort nicht benutzt hat. Das Mosaische Recht, erklärte er in seinem sechs-bändigen Werk unter diesem Titel, entsprach dem Geist der Zeit und stammte aus einer Epoche der Menschheitsgeschichte in dem das Volk Israel in einem Zustand der »Kindheit« existierte. Die Juden aber, meinten oft auch andere Aufklärer, blieben in diesem Zustand und wurden mit der Zeit nur noch schlimmer. Etwas ähnliches hat letztendlich auch Michaelis publik gemacht, und zwar – interessanterweise – in einer Rezension von Lessings Lustspiel »Die Juden«, uraufgeführt wahrscheinlich in Leipzig, 1749.

»Der Endzweck geht auf eine sehr ernsthafte Sittenlehre«, dozierte Michaelis. Bei der Lesung aber, »stört uns die Tatsache«, schrieb er, »daß es zwar nicht unmöglich, aber doch allzu unwahrscheinlich ist, daß unter einem Volke von den Grundsätzen, Lebensart und Erziehung... [der Juden, nämlich] ein solches edles Gemüt sich gleichsam selbst bilden könne,« ja, wie die Lessingsche Hauptfigur. »Nach allem,« schreibt er weiter, als ob das nicht genug wäre, »auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dasselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte."

Natürlich war Lessing bestürzt, als er die Rezension aus der Feder eines so berühmten Gelehrten gelesen hatte; ein Mann, der für die Theologische Fakultät in Göttingen (ich zitiere): „zu aufgeklärt war«. Moses Mendelssohn, der Freund Lessings in Berlin war zuerst von den Erklärungen Michaelis in privaten Diskussionen überzeugt, nur aber um später allzu vollständiger enttäuscht zu werden. Öffentlich wurde die richtige Kontroverse zwischen ihm und Michaelis etwas später, als das Thema Juden zu einem Politikum geworden war. Auf Initiative von Mendelssohn erschien In Preußen 1781 das Werk von Kriegsrat Christian Wilhelm von Dohm, Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Auch Dohm fand die Juden seiner Zeit sehr mangelhaft, oft abstoßend. Auch er hielt sie für »charakterlich verdorben«. Aber, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es für solche »Laster«, wie Dohm meinte, nämlich für die Charaktermängel der Juden, eine Lösung. Durch die grundsätzliche Umerziehung der Juden, könnte man sie verbessern, erklärte Dohm. Und warum nicht, nach allem, damals diskutierte man auch die Möglichkeit Bauern, ja sogar Frauen zu verbessern...

Michaelis aber glaubte nicht an diese Möglichkeit. Er beharrte darauf, dass sich die, unter der brennenden Sonne der nahöstlichen Wüsten entstandenen Charaktereigenschaften der Juden, niemals ändern könnten. Die Juden könnten sich deshalb niemals in das Europa, auch nicht an das Europa der Aufklärung, einfügen. Offensichtlich fand sich Michaelis in einem Dilemma. Als ein aufgeklärter Gelehrter, musste er schon früher, nach den Prinzipien der Toleranz, auf die Exklusion der Juden wegen ihrer Religion verzichten, und da Das Dohmsche Erziehungsprojekt in seiner Meinung nutzlos gewesen war, musste er ein neues Argument ausbilden. Er sprach jetzt nicht mehr von Juden und Christen, sondern von Juden und Deutschen. Die Juden empfand er jetzt als ein fremdes Volk. Sie taugen nicht zum Soldatenstand und man sollte ihnen auch die Handwerke und die Landwirtschaft nicht eröffnen. Sie können nie verlässliche Staatsbürger werden, meinte er. Gleichberechtigung kam deshalb überhaupt nicht in Frage.

Deutsche Gelehrte und der lange Schatten des Antisemitismus

Spätere gelehrte Aufklärer konfrontierten ein anderes Dilemma. Im Jahr 1793 veröffentlichte Fichte, zuerst anonym, seine Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publicums über die Französische Revolution. Dabei kam er zur folgenden Schlussfolgerung in Bezug auf die Juden – oft zitiert – und das trotz ihrer vollen rechtlichen Gleichstellung nur einige Jahre früher durch die Französische Nationalversammlung. »[...] ihnen [den Juden] Bürgerrechte zu geben«, schrieb er, »dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als in einer Nacht allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen«, führte er weiter aus, »dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.«

Was aber der Fall Fichtes so interessant macht, war sein Verhalten als Rektor der neuen Universität Berlin. Dort war er einmal sogar bereit, seine Stellung niederzulegen, nachdem er einen jüdischen Studenten gegen dessen verleumderische Kommilitonen verteidigt hatte und daraus eine hitzige Auseinandersetzung sowohl mit den Studenten, als auch mit den Fakultätsmitgliedern entstanden war. Nach Kants Folge konnte er als Privatmann Juden verachten, doch seine Position im Dienste des Staates erforderte die strikte Einhaltung der Regeln. Michaelis suchte einen Weg seine anti-jüdische Position mit der aufklärerischen Toleranzideologie seiner Zeit zu verbinden. Fichte, eine Generation später, musste das Gleichheitsprinzip des reformierten Staates mit seinem Verachten der Juden kombinieren. Diesem oder jedem Dualismus folgte die Diskussion über die sogenannte »Emanzipation der Juden« für Hundert Jahre, ein Jahrhundert in dem man ihn ständig aber vergeblich zu überwinden versuchte.

Unter den neuen Rechten, die die Juden – trotz allem – nach der preußischen Reformgesetzgebung von 1812 erworben hatten, war das Studium an Universitäten möglich – nicht nur an der medizinischen Fakultät, sondern auch an der juristischen und der philosophischen. Und unter den vielen bürgerlichen Studenten, die damals an die Universitäten strömten, waren auch, wie bekannt, relativ viele Juden. Leopold Zunz, der spätere Begründer der Wissenschaft des Judentums, kam schon im Jahr 1815 an die neue Berliner Universität, wo ihm 6 Jahre danach Heinrich Heine folgte. Was sie dort erwartete war »in Hexenkessel des deutschen Nationalismus«, schrieb neulich Zunz’ Biograph, Ismar Schorsch. In seinem Tagebuch konstatierte Zunz, dass »der Ort von Judenfeindlichkeit überflutet [war].« Besonders notierte er den Philosophen Wilhelm Martin De Wette, den Juristen Karl Friedrich von Savigny und vor allem Christian Friedrich Rühs, der Geschichte, Sprachen und Theologie unterrichtete. Bei ihm hörte Zunz eine Vorlesung zur Alten Geschichte. Rühs aber war auch der Autor des polemischen Traktats, »Über die Ansprüche der Juden an das Deutsche Bürgerrecht«, das damals eine große Verbreitung fand und er war endlich für Zunz zu viel. Der junge Mann entschied, nicht mehr bei ihm zu studieren. Andere aber sahen in ihm ein völlig legitimes Sprachrohr der nationalen Bewegung. Nach ihm und im Geist des Post-Napoleonischen Deutschlands wurde die Religion wieder zu einem Teil des allgemeinen politischen Diskurses, und anti-Jüdischen Sentiments wurden weitverbreitet auch – vielleicht besonders – unter Liberalen Studenten, die stolzen Erben der Aufklärung.

In seinem Traktat erklärte Rühs, dass – ich zitiere – »nur ein sehr sorgfältiges Studium der jüdischen Geschichte, wozu mich meine Beschäftigung mit dem Mittelalter veranlaßte...« – im kurzen, nur sein Gelehrtentum erlaubte ihm die Juden als ein fremdes Volk zu präsentieren, und dessen anstößige Charaktereigenschaften im Wesen ihrer Religion zu begründen. Das Christentum wurde zu einem unverzichtbaren Teil der deutschen Identität, und Juden – solange sie Juden blieben – könnten sich in Deutschland nach dieser Denkweise, weder gleichberechtigen Bürgern des Staates, noch ebenbürtige Mitglieder der Gesellschaft sein. Heine meinte damals, dass sie auch keine Mitglieder der Europäischen Kultur sein konnten und hat auch seine Schlussfolgerungen daher gezogen, wie Sie sicherlich alle wissen.

Während der kommenden Jahrzehnte, als man immer wieder die rechtliche Gleichstellung der Juden diskutierte, spielte die Tatsache, dass sie in einer anderen Religion glaubten, immer eine zentrale Rolle. Es ist wahr, dass auch ausgesprochene Aufklärer, wie Wilhelm von Humboldt, zum Beispiel, auf das baldige Konvertieren der Juden hofften, und noch 1842, als Karl August Varnhagen von Ense in seinem Tagebuch sich selbst fragte: »Was wollen die Juden wirklich?« antwortete er: »Dass man ihnen Zeit lasse, Christen zu werden.« Zur dieser Zeit wiederbelebte die Idee des Nationalstaats die Möglichkeit, eine homogene Gesellschaft in einem modernen politischen Gebilde zu konstruieren und der Hoffnung auf Homogenität war die Einbeziehung der Juden eine ständige Irritation.

Zwischen Rühs und Treitschke können wir den zick-zack Kurs in der Behandlung der sogenannten »Judenfrage« weiter beobachten. Mal schienen solche, die die Gleichstellung der Juden unterstützten, die Oberhand zu haben; mal die Opposition. Ab etwa 1830 war Gabriel Rießer – ein Jude, Rechtsanwalt aus Hamburg – der energische Befürworter der Emanzipation, während wahrscheinlich der Theologe Heinrich Eberhardt Gottlob Paulus sein Hauptgegenüber war. Es wird Sie jetzt nicht mehr erstaunen, daß Paulus eine brillante akademische Kariere hinter sich hatte. Seit 1793 war er ordentlicher Professor der Theologie, zuerst an der Universität Jena und später, seit 1810, in Heidelberg, mit dem Schwerpunkt – Sie werden wieder nicht überrascht sein – Orientalischer Sprachen. Vielleicht aber doch erstaunlich war die Tatsache, dass Paulus ein radikaler, aufgeklärter Rationalist war, ein Kritiker des traditionellen Christentums, und trotzdem, ein ausgesprochener Antisemit. Paulus kombinierte eine Attacke an das Judentum als Religion mit einer Forderung zum Aufheben der Speisegesetze und der Beschneidung, die für ihn »Zeichen der Nationalabsonderung« der Juden waren. Für viele, und auch für viele Liberale, haben sie den Traum der Homogenität unmöglich gemacht.

Rießer aber wurde in der 1848er Revolution Abgeordneter sowohl im Frankfurter Vorparlament, wie auch später in der Nationalversammlung. In deren Verfassungsausschuss war er letztendlich instrumental in der Diskussion über die Gleichstellung der Juden, und besonders den endgültigen Beschluss, dies als Paragraph in der Paulskirchenverfassung zu integrieren. Bald danach, mit dem Verfall dieser Verfassung, fand man sich wieder im Streit über das Thema, bis diese Forderung, wie auch andere liberale Forderungen, vor allem die Gewerbefreiheit und die Freizügigkeit, während der sogenannten neuen Ära, zur Selbstverständlichkeit geworden waren. Schließlich, 1871, mit der Etablierung des neuen Kaiserreiches, wurden alle männliche Menschen jüdischen Glaubens im Reich rechtlich gleichgestellt. Die Befürworter der Emanzipation haben deutlich gewonnen, könnte man sagen. Es war aber schon am Ende desselben Jahrzehnts, dass diese ersehnte Emanzipation wieder in Frage gestellt wurde – ein bedeutender, zukunftweisender Epilog zum langen, historischen Kapitel.

Die antisemitische politische Bewegung, die 1879 sich schnell von Berlin aus ausbreitete, wurde zuerst durch die Arbeit von Journalisten und politischen Figuren – Sozial-konservative, wie auch ehemaligen Liberale – in Gang gesetzt. Am 15. November 1879 bekamen sie aber eine unerwartete Unterstützung von einem viel geachteten Gelehrten, wieder ein Professor – diesmal für Geschichte – an der Berliner Universität, Heinrich von Treitschke, und zwar in der Form eines ausführlichen Aufsatzes in den Preußischen Jahrbüchern. Der Sturm, der danach ausbrach, ist seitdem als der »Berliner Antisemitisumstreit« bekannt.

Der Ursprüngliche Treitschke-Aufsatz könnte ja beim ersten Lesen eindeutig klingen. Wie schon vor einem Jahrhundert, argumentierte auch er dass die Juden ein fremdes Volk in Deutschland waren und sind. Aber dann addierte er noch ausdrücklich, sie sind »eine Gefahr für das nationale Leben und eine Bedrohung der deutschen Kultur.« »Die Juden sind unser Unglück«, lautete seine später berühmt-berüchtigte Schlussfolgerung. Interessant aber ist die Tatsache, dass wir sofort nach diesem Satz bei Treitschke das Folgende: »Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emanzipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein.« »Sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern.« Also, wieder der bekannte Dualismus. Jetzt, nach der vollen Gleichstellung der Juden, gibt es keinen Weg zurück. Stattdessen empfiehlt Treitschke die Stärkung »unserer Sittung«, den »nationale]n] Stil«, den »instinktive[n] Stolz« der Deutschen, und fordert, dass die Juden ihrerseits so schnell wie möglich die Notwendigkeit erkennen, »sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern«, und dass sich »Unsere jüdischen Mitbürger«, ich zitiere, »rückhaltlos entschließen, Deutsche zu sein, wie es ihrer viele zu ihrem und unserem Glück schon längst geworden sind.«

Also, der berühmte Historiker ist nicht so eindeutig. Er gerät hier, wie seine aufgeklärten Vorgänger und seine gegenwärtigen liberalen Kollegen in »den nationalen Gegensatz, der uns peinigt«, nämlich in der Spannung zwischen seiner eklatanten Judenfeindlichkeit und der Maxime der Aufklärung oder der Ideen des Liberalismus. Diese Spannung, diese Ambivalenz, könnte auch Treitschke – hundert Jahre nach Michaelis, nach Mendelsohn und nach Dohm – nicht loswerden.

Allerdings, nicht nur er. Werfen wir jetzt noch einen kurzen Blick auf die Position Treitschkes Hauptgegner an der Berliner Universität von damals. In seinem Auch ein Wort über unser Judentum, von Dezember 1880, versucht der Althistoriker Theodor Mommsen – nicht weniger berühmt als Treitschke – dem Letzteren zu entgegen. Hier ist das Ende seines Plädoyers, das ich hier voll zitiere: »Der Eintritt in eine große Nation kostet seinen Preis«, schrieb er. »Die Hannoveraner und die Hessen und wir Schleswig-Holsteiner sind daran ihn zu bezahlen, und fühlen es wohl, daß wir damit von unserem Eigensten ein Stück hingeben. Aber wir geben es dem gemeinsamen Vaterland. Auch die Juden führt kein Moses wieder in das gelobte Land« – führte er weiter aus. »Mögen sie Hosenverkäufer [sein] oder Bücher schreiben«, erwähnt er die Parole Treitschkes, »es ist ihre Pflicht, so weit sie es können, ohne gegen ihr Gewissen zu handeln, auch ihrerseits die Sonderart nach bestem Vermögen von sich zu thun und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener Hand niederzuwerfen.« Man hört hier – erstens – den anderen Ton Mommsens und dann aber – zweitens – trotz allem seine Nähe zu Treitschke. Und während der Unterschied zu Treitschke klar ist, am Ende ist auch die Ähnlichkeit zwischen ihnen nicht zu leugnen.

Zur selben Zeit, mit dem Hinzufügen der Rassentheorie, übernahmen allmählich – obwohl nie vollständig – die naturwissenschaftlichen Gelehrten die Führung dieses Diskurses. Der Beitrag unserer Kollegen wurde immer weniger gefragt. Und für die Nazis gab es schließlich keine Ambivalenz. Sie hatten ja die Endlösung gefunden. Bei ihnen sprach nur das Schwert.

Zum Schluß, möchte ich nur noch etwas zur näheren Geschichte sagen. Am 11. Oktober 1998, etwa 120 Jahre nach Treitscke und Mommsen sollte Martin Walser in der Frankfurter Paulskirsche den renommierten Friedenpreis erhalten. Die gesamte politische und intellektuelle Elite des Landes wurde zur Feier eingeladen. Im Saal saßen sicher auch viele Gelehrte. Sie hörten wie der Preisträger im Ton einer bitteren Klage gegen die bundesrepublikanische Erinnerungskultur sprach; sie hörten auch sein Fazit. Auschwitz werde von einer Armee selbsternannter »Gewissenswächter„ als „Moralkeule« gegen »uns« in Stellung gebracht, meinte er. Und dann, als das Publikum aufstand und applaudierte, kam die einzige Gegenreaktion von Ignaz Bubis, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Keine Persönlichkeit vom Maßstab Mommsens intervenierte; weder am selben Tag, noch später. Richtig: Auch Mommsen betrat die Bühne ein volles Jahr nach der Erscheinung von Treitschkes Aufsatz, und am Anfang des Berliner Antisemitismusstreits waren ja die Kontrahenten auch alle Juden: Heinrich Graetz, Harry Breßlau, Moritz Lazarus, Herman Cohen und Ludwig Bamberger. Wäre Mommsen 120 Jahre später in der Paulskirche aufgestanden, um Walser zu widersprechen? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem – der Unterschied ist auffallend. Das Auftreten Mommsens war ohne Zweifel entscheidend. Das Drama von zwei deutschen Professoren von höchstem Rang, die sich über die sogenannten Judenfrage gestritten hatten, war sicherlich das Beste in und außerhalb Berlins. Später kam noch die Notable Erklärungdazu, mit 75 Unterschriften von bedeutenden Wissenschaftlern, Unternehmern und Politikern, die die antisemitische Bewegung verurteilten. Nach dem hundertjährigen Kampf um die Emanzipation der Juden, hat die Gesellschaft des jungen Kaiserreiches den Streit um den Antisemitismus vielleicht besser verstanden als die bundesrepublikanische Öffentlichkeit nach den ereignisvollen Jahren von Nazismus und Krieg, Kommunismus und politischer Teilung. Die nächste Erprobung läuft noch jetzt, und ihr Ende ist noch nicht in Sicht.